Sinn und Glück

1941 muss der junge jüdische Nervenarzt Viktor Frankl eine Entscheidung treffen: Er hat ein Visum für die USA. Er könnte mit seiner Frau vor den Nazis fliehen, in ein anderes Land, in ein freies Leben, in eine rosige Zukunft. Nur müsste er dafür seine Eltern in Österreich zurücklassen, deren Schicksal einigermaßen abzusehen ist. Viktor Frankl entscheidet sich. Familienzusammenhalt wiegt für ihn schwerer als sein persönliches Glück. Er will seinen Eltern beistehen, wenn die Nazis kommen – als Sohn und als Psychiater.

Viktor Frankl und seine Eltern waren dann auch drei Jahre im KZ – und überlebten. Viktor schrieb danach Bücher und erklärte, dass so das Leben Sinn machte für ihn und das sei wichtiger als Glück.

Glück und Sinn. Da meine ich doch, dass wir hier ein ganz wichtiges und zentrales Thema angeschnitten sehen. Mir fallen hierzu Begriffe ein, wie „Zufriedenheit“,  „Bedürfnisse“ und „Heilung“ in einem erweiterten Sinn. Wenn ich unzufrieden bin, kann ich schwerlich behaupten, ich sei glücklich. Ob sich das nun auf eine bestimmte Situation, Sache oder Person bezieht, oder allgemein auf mein Leben. Fühle ich mich eher etwas unwohl, dann fehlt mir wohl irgendwas, ob das nun bewusst fehlt oder ob es unterschwellig fehlt und es ist mir nicht ganz klar ist, um welches tiefer liegende Bedürfnis es dabei geht.

Wenn wir an Heilung denken, sind wir oft schon zufrieden damit, dass eine offenbare Krankheit nicht mehr erscheint und Schmerzen nachlassen. Obgleich wir dabei erahnen, dass eher oberflächlich geheilt wurde, so dass nur gewisse Symptome nicht mehr erscheinen. Blicken wir aber auf die Begriffe Glück und Sinn im Leben allgemein, so können wir Heilung auch verstehen in einem Ganzwerden in möglichst vielen Lebensbereichen. Und damit in einem Erfüllen von sehr tiefgehenden Bedürfnissen.

Die folgenden Faktoren gelten als Schlüsselfaktoren eines Heilprozesses in diesem Sinn (vgl. z.B. eines der Standardwerke von Barbara Ann Brennan):

  • Die Erkenntnis, dass es bei dem persönlichen Heilprozess um hilfreiche Lebenslektionen geht
  • Penible Ehrlichkeit mit sich selbst, insbesondere, was persönliche Bedürfnisse angeht

Dies sind dann doch Betrachtungen mit denen wir erst tiefer in unser Wesen vordringen sollten. So gelangen wir zu unserem Grundbedürfnis: dem schöpferischen Ausdruck unseres Wesenskernes. Ohne dies fehlt uns oft Sinn im Leben, ohne bewusst zu erkennen, was uns fehlt. Doch mit solcher Sinnfindung, ist jeder mehr oder weniger alleine. Ob Herr Frankl deshalb den schweren Weg ging oder ob dahinter eher Pflicht- und Schulddenken stand, ist für mich nicht so klar. Oft genug führt uns anerzogenes Schulddenken erst weg von unserem Wesenskern. Meistens können wir das aber wenig bewusst erklären. Das Empfinden von Sinnlosigkeit wird sich wohl aber weniger einstellen, wenn unsere tiefsten Bedürfnisse erfüllt werden und wir damit den Impulsen der Lebensenergie folgen, was wir auch gelegentlich „Lust“ und „Freude“ nennen.

Und es wird wohl sehr deutlich, dass es oberflächlichere und tiefer verwurzelte Sichten auf „Sinn und Glück“ gibt. Wird z.B. ein materielles Bedürfnis erfüllt, kann ich damit momentan „glücklich“ sein. Oft verwechseln wir aber auch Bedürfnisse. So freuen wir uns oft sehr über Lob. Doch ist dies ja nicht die bedingungslose Liebe, die wir tief in uns ersehnen. Schlimmer noch, wir glauben, dass wir uns Liebe erkaufen müssen und wir verwechseln Lob mit Liebe. Und wir suchen Ausdruck von Liebe in materiellen Geschenken und „geliked“ werden. Wir werten uns damit selber ab. Wir würden das weniger tun, wenn wir Liebe bedingungslos erwarten würden.

Ich denke, dass insofern „Sinn“ eher zufrieden und dankbar machen kann. „Glücklichsein“ wird somit wohl gefördert, kann aber mit Denken oder allgemein durch empfundenem Mangel oder erfahrene Belastungen gebremst sein. Sinn liegt wohl etwas tiefer und kann auch trotz zeitweisem Glück bewusst oder unbewusst fehlen. Doch sehe ich anhaltendes Glück auch als Zeichen, dass tiefe Bedürfnisse eher erfüllt werden.

LG Richard

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